Warum sich das Eintreten für eine solidarische Gesellschaft lohnt

Ich habe mir lange überlegt, ob ich zu der aktuellen Situation rund um die Unterbringung von AsylwerberInnen in Österreich einen Beitrag verfassen soll. Nicht, weil ich dazu nichts zu sagen hätte, ganz im Gegenteil. Die Unterstützung von Menschen, die vor Folter, Mord und Krieg zu uns flüchten, ist mir ein absolutes Herzensanliegen. Die Hetze der FPÖ und der unfassbare Hass, der sich in unserer Gesellschaft breit gemacht hat, sind nicht nur politisch alarmierend, sondern schmerzen mich zutiefst.

Ich habe überlegt, weil ich langsam aber sicher den Eindruck hatte, nichts, aber auch rein gar nichts, bewirken zu können. Keine noch so tolle Spendenaktion, kein noch so eloquent formulierter Beitrag, kein noch so gründlich überlegter Lösungsvorschlag vermag etwas zu ändern an den katastrophalen Umständen in unserem Asylsystem und noch schlimmer: an dem schieren Hass, der sich in Teilen unserer Bevölkerung mittlerweile breit gemacht hat.

Doch gestern kam der Umschwung: Ich war auf Hausbesuchen in einem Gemeindebau im Neunten Bezirk. Neben ein paar netten Gesprächen über die tolle Lebensqualität in Wien und speziell im Bezirk, war auch gestern wieder Asyl das Thema Nummer eins.

Eine ältere Frau erzählte davon, dass sie sich nicht mehr auf die Straße traut, weil immer mehr Ausländer unterwegs seien. Ihre Enkel fänden keinen Job, weil die ganzen „Asylanten“ zu uns kommen und ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen würden. Außerdem hätten wir auch immer mehr Schulden und unsere Kinder und Kindeskinder sowieso keine Zukunft, weil die ganzen Ausländer uns auf der Tasche liegen würden.

Also gut. Ich habe begonnen zu erklären, dass MigrantInnen wesentlich mehr in unser Sozialsystem einzahlen, als sie herausbekommen, unser Gesundheits- und Pensionssystem ohne Zuwanderung schon längst nicht mehr funktionieren würde, AsylwerberInnen ohnehin nicht arbeiten dürfen und sich niemand bei uns fürchten muss auf die Straße zu gehen. Irgendwann zwischendurch habe ich bemerkt, dass sie mir nicht mehr zuhört. Also habe ich es anders versucht.

Es geht um Menschen und nicht um Zahlen

Ich habe ihr die Geschichte meiner Frau erzählt. Habe ihr erzählt, wie sie im kurdischen Teil des Irak geboren wurde, wie ihre glückliche Kindheit von einem Krieg zerstört wurde, wie ihr Vater und ihre Onkeln monatelang gefoltert wurden und jahrelang im Gefängnis saßen, weil sie nichts anderes getan hatten als ihre Familie gegen Ausbeutung zu verteidigen. Ich habe ihr erzählt, wie meine Frau als kleines Kind, mit ihren Eltern und Geschwistern zu Fuß über die Berge in die Türkei geflüchtet ist, vor lauter Hunger und Durst dabei fast gestorben wäre. Wie die Familie nach Monaten der Ungewissheit in der Türkei im Rahmen eines Kontingentes nach Österreich gekommen ist und dann nach erneutem Warten Asyl bekommen hat und unter verhältnismäßig armen, aber sicheren Bedingungen in Österreich weiterleben konnte.

Mit der heutigen Gesetzgebung und bei der Unfähigkeit von Politik und Behörden wäre das anders gelaufen. Entweder sie wären von vornherein abgewiesen worden oder die Familie mit den kleinen Kindern hätte spätestens in Traiskirchen bei sengender Hitze und/oder Sommerstürmen mit Hagelschlag in Zelten oder ganz obdachlos verbringen müssen. Die ältere Frau hat mir aufmerksam bis zum Ende zugehört. Sagte nur, dass das eine schreckliche Geschichte sei, sie aber jetzt wieder in die Wohnung müsse, weil sonst das Essen anbrennt. Wir haben uns noch nett verabschiedet und ich setzte meine Besuche im nächsten Stock fort.

Wie die Motivation zurückkam

Etwa 15 Minuten später, ich war gerade dabei die Stiegen hinunter zu gehen und wollte das Haus wieder verlassen, hörte ich eine Stimme, die rief: „Herr Bezirksrat, warten Sie noch kurz!“. Ich drehte mich um, ging einen Stock wieder hinauf und da stand die ältere Dame wieder vor mir. Sie sagte: „Ich wollte Ihnen eines noch sagen: Danke für diese berührende Geschichte. So hab ich das noch nie gehört. Sie haben Recht. Da muss man einfach helfen. Alles Gute Ihrer Frau und danke noch einmal.“

Da war sie wieder. Die Überzeugung, dass es nicht wurscht ist, ob man etwas sagt oder tut. Das auch wenn man keine Möglichkeiten hat, selbst menschenwürdige Quartiere bereitzustellen, eine solidarische Quote in Europa durchzusetzen oder die Hetze der FPÖ zu verhindern, es allemal Sinn macht hinauszugehen und so vielen Menschen wie möglich zu erklären, warum es für uns selbstverständlich ist, Hilfe zu leisten. Nur so werden wir die Stimmung in der Bevölkerung verbessern und das ist das wichtigste Fundament für eine humanitäre Asylpolitik und letztlich für das Gelingen der gesamten Gesellschaft.

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